Ein Gespräch mit Linda Lehmann, Inhaberin der Dresdner Rahmenwerkstatt, über seltenes Handwerk, konservative Einrahmung und warum Netzwerke heute wichtiger sind denn je
Frau Lehmann, Sie führen seit Januar 2023 die Dresdner Rahmenwerkstatt inkl. einer Restaurierungs- und Vergolderwerkstatt, wie es so in Deutschland nur noch wenige gibt. Was macht Ihr Handwerk besonders?
Wir sind die Exoten unter den Handwerkern. Werkstätten unserer Zunft gibt es nur noch sehr wenige in Deutschland, besonders im ostdeutschen Raum ist die Dichte an Einrahmern in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen. Oft fehlt einfach die Nachfolge. Umso stolzer bin ich, dass ich in einem solchen Unternehmen großwerden durfte und es nun selbst führe.
Wie sind Sie überhaupt in diesen Beruf gekommen? Sie sind doch eigentlich Landschaftsarchitektin?
Das stimmt. Ich bin studierte Diplom-Landschaftsarchitektin und wollte ursprünglich nicht in den elterlichen Betrieb. Ich habe den Aufwand einer Selbstständigkeit lange gescheut. Aber der Drang nach eigenem wirtschaftlichen Erfolg und maximaler Selbstbestimmung wurde irgendwann zu groß. Zudem bringe ich künstlerisches Talent mit, das mir in der Restaurierungs- und Vergolderwerkstatt sehr zugutekommt.
Sie arbeiten eng mit Ihrem Mann Stefan Lehmann zusammen. Wie kam er ins Unternehmen?
Stefan ist gelernter Bäcker und Erzieher. Irgendwann habe ich ihn abgeworben, weil es an guten Fachkräften mangelte. Sein unermüdliches Geschick im Umgang mit diversen Materialien und sein Verkaufstalent in Beratungsgesprächen haben meine Entscheidung auch nach vielen Jahren bestätigt. Wir sind ein super Team und bearbeiten gemeinsam die kniffligsten Aufträge mit Bravour.
Was genau umfasst Ihre Arbeit?
Gemeinsam rahmen wir die Bilder unserer Kunden hochwertig und nach konservatorischen Maßstäben ein, sodass diese für die nächsten Generationen bewahrt bleiben. Wir schaffen also sprichwörtlich Werte für die Zukunft. Das erfüllt unsere Arbeit jeden Tag mit Freude und fühlt sich sehr sinnstiftend an. Unsere Kunden bestätigen uns unsere gute Arbeit mit Danksagungen und immer wieder neuen Aufträgen.
Auf welchen drei Säulen basiert Ihr Erfolg?
Unser Erfolg basiert darauf, dass wir uns absolut auf unsere Kernkompetenzen fokussieren. Das sind: die maßgefertigte Einrahmung von Bildern und Objekten, die fachgerechte Restaurierung von Bildern, Rahmen und Objekten inklusive Vergoldungsleistungen und die Herstellung von Wechselrahmen für den eigenen Verkauf und als Wiederverkaufsprodukt.
Was schätzen Ihre Kunden besonders?
Unsere Kunden schätzen unsere Fachkompetenz, Ehrlichkeit und Ideenreichtum, sodass sich oft ein Auftrag an den nächsten reiht. Ein geliebtes Erbstück oder neu gekauftes Bild in fremde Hände zu geben, erfordert ein hohes Maß an Vertrauen. Dieses bauen wir in einem umfangreichen Beratungsgespräch auf. Wir bearbeiten die Aufträge unserer Kunden immer so, als wären es unsere eigenen Kunstwerke. Dies spürt und sieht man zum Schluss.
Sie betreiben auch zwei Galeriegeschäfte. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Ware aus?
Die Handelsware, welche wir in unseren beiden Galeriegeschäften anbieten, seien es hochwertige Künstleroriginale oder einmalige Sammelfiguren von begabten Künstlern, ist immer unter dem Aspekt der Passgenauigkeit zu unseren Werten ausgesucht. Wir möchten gern wertige Dinge anbieten, welche nicht aus den Billiglohngebieten Asiens stammen und unter unwürdigen Bedingungen hergestellt wurden. Unsere Hersteller haben ihren Firmensitz im besten Falle in Deutschland oder aber in Europa.
Welchen gesellschaftlichen Beitrag leistet Ihr Unternehmen?
Wir als Handwerker liefern einen wichtigen kulturellen Beitrag für die Gesellschaft, weil wir Kunst in den Mittelpunkt rücken und somit in die Mitte der Gesellschaft holen. Wir bewahren durch die konservatorische Bearbeitung Familienerbstücke für weitere Generationen und erhalten damit Geschichten und Erinnerungen, welche den Alltag um einiges wertvoller machen. Ein Leben ohne Bilderrahmen ist möglich – aber sinnlos.
Vor sechs Jahren haben Sie einen wetterfesten Rahmen entwickelt. Wie kam es dazu?
Immer wieder kamen Kunden zu uns, die diese Bilderrahmen für Grabstätten suchten, aber keine akzeptable Lösung gefunden haben. Aus diesem Grund haben wir vor sechs Jahren einen wetterfesten Rahmen entwickelt, welcher mittels Erdspießen an jeder Stelle im Außenbereich platziert werden kann. Diesen verkaufen wir hauptsächlich über unseren Onlineshop. Die Nachfrage kommt aus dem gesamten Bundesgebiet.
Was ist Ihr eigentliches Alleinstellungsmerkmal?
Unser USP liegt definitiv in unserer Fingerfertigkeit und unserem Know-how, welches wir uns über die letzten Jahre und Jahrzehnte angeeignet haben. Wir besuchen Lehrgänge und bilden uns darüber hinaus mit Fachliteratur weiter. Auch Gespräche mit anderen Einrahmern erweitern den Horizont. Deshalb besuchen wir die aller zwei Jahre stattfindende Fachmesse FamaArt in Bologna. Dort trifft sich Europa, um die neuesten Trends aus unserer Branche zu sehen und direkt bei den Herstellern einzukaufen.
Ihr Vater war lange im Leipziger Messebeirat. Sie sind 2015 in seine Fußstapfen getreten. Was machen Sie dort?
Ich vertrete seitdem gemeinsam mit meinem Mann unsere Brancheninteressen in dieser hochkarätigen Runde. Unsere Aufgaben umfassen die subjektive Bewertung der Marktlage, Ausblicke in die Zukunft und die Nennung von Verbesserungspotenzialen.
Welche Themen dominieren in den Beiratssitzungen?
In den Beiratssitzungen wird immer wieder deutlich, wie flexibel man auf sich ändernde Marktsituationen reagieren muss und wie bedrohlich der asiatische Markt für unsere Handelswirtschaft ist. Der Onlinehandel wird bei allen als zweischneidiges Schwert bewertet, da auch jeder kleine Händler die Möglichkeit hat, einen Onlineshop im Miniaturstil zu betreiben. Wobei die Kosten gegen den Nutzen ganz genau abgewogen werden müssen.
Welche Herausforderungen sehen Sie in Ihrer Branche und wie gehen Sie damit um?
Das Problem unserer Branche ist die zunehmende Unsichtbarkeit. Diese kommt daher, dass es kaum noch Geschäfte wie unsere gibt. Sehr viel hat sich in den Onlinehandel verlagert, sodass es keine physischen Anlaufpunkte mehr für die potenzielle Kundschaft gibt. Diese Entwicklung betrachten wir als sehr traurig, da wir den direkten Kontakt zu den Kunden als sehr wichtig und auch wertvoll einschätzen. Um eben wieder sichtbarer zu werden, investieren wir Geld und vor allem viel Zeit in die Pflege unserer Kontakte.
Gegründet: als Familienbetrieb, Übernahme durch Linda Lehmann im Januar 2023
Standorte: zwei Galeriegeschäfte plus Onlineshop
Team: Linda Lehmann (Inhaberin), Stefan Lehmann sowie weitere Mitarbeitende
Kernkompetenzen: maßgefertigte Einrahmung, Restaurierung & Vergoldung, Wechselrahmen-Herstellung
Besonderheit: eigener wetterfester Außenrahmen für Grabstätten, bundesweit vertrieben
Branchenengagement: Mitglied im Leipziger Messebeirat seit 2015, regelmäßige Teilnahme an FamaArt Bologna
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